Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und das Erleben erster eigener sexueller Erfahrungen gehören zu den typischen Themen in der Pubertät. Einen ersten Kontakt mit pornografischem Material, seien es Bilder oder Videos, haben sie meist schon früher. Kinder sind sehr neugierig auf diese Bilder, die Zugangsmöglichkeiten sind schier unendlich und die Verbreitungswege sehr einfach.
Die Gründe, warum Jugendliche Pornos anschauen möchten, sind vielfältig: Neben der sexuellen Erregung und Befriedigung ist es womöglich auch ein Testen der eigenen sexuellen Orientierung. Hinzu kommt eine mögliche Bestätigung des eigenen Erwachsenwerdens und im Freundeskreis mitunter der Gruppendruck bzw. ein aufregendes Gruppenerlebnis. Zudem werden Pornos als Informationsquelle und auch zur eigenen Aufklärung hergenommen.
Der Zugang zu pornografischen Inhalten ist einfach, da diese jederzeit über die gängigen Online-Portale (teils kostenfrei) abgerufen und fast uneingeschränkt angeschaut und geteilt werden können. Die Betreiber der Seiten haben zum Teil sehr einfache und damit unwirksame Alterskontrollen. Die Frage „Bist du schon 18?“, kann selbst ein Minderjähriger mit „Ja“ beantworten und landet so auf dem gewünschten Portal.
Manchmal stoßen Jugendliche aber auch ungewollt auf sehr plakative Bilder, z. B. durch eine neugierige Suche nach einem aufgeschnappten Begriff wie etwa MILF (Abkürzung aus dem Englischen, Erklärung: eine attraktive Mutter, mit der man gerne schlafen möchte). Oder durch das „Hineinstolpern“ in pornografische Szenen, die z. B. in Form von Werbe-Pop-ups auftauchen, während man eigentlich etwas anderes schaut.
Zudem werden pornografische Inhalte in sozialen Medien oder über die Messenger verbreitet und getauscht. Dies geschieht auch trotz der einschränkenden Vorgaben der Seitenbetreiber. Oft werden solche pornografischen oder auch gewaltverherrlichenden Bilder, Videos und Sticker im Klassenchat bzw. im Chat des Freundeskreises verschickt oder weitergeleitet. Ob als Mutprobe oder um damit anzugeben. Auch über die sozialen Netzwerke (Instagram, TikTok, Snapchat oder die Chatprogramme von Online-Spielen) werden pornografische Inhalte geteilt.
In Pornos werden selten gleichwertige und respektvolle Ge-schlechtsakte gezeigt. Meistens bilden die Filme mit heterosexuellen Paaren oder Gruppierungen männliche Sichtweisen ab. Hierbei werden die Frauen den Männern oft als hörig, unterwürfig und immer verfügbar dargestellt. Die Frauen sind oft nur zur Befriedigung der männlichen sexuellen Bedürfnisse da und kennen dabei keine oder wenig Tabus. Diese männliche Dominanz wird mitunter auch durch Gewalt hergestellt, was den Frauen im Film aber scheinbar nichts ausmacht. Die Männer sind zudem dauerpotent, können und wollen immer und lange.
Diese Bilder sind unrealistisch, einschränkend und oftmals unterdrückend. Hier geht es nicht um die Darstellung romantischer Liebe mit einem zärtlichen Vorspiel, sondern um eine schnelle Triebbefriedigung.
Bei einigen Jugendlichen kann dadurch ein verzerrtes Bild von Sex entstehen. Zudem kann dadurch die Entwicklung einer partnerschaftlichen, respektvollen und wertschätzenden Sexualität gestört werden. Und es wird ein enormer Druck aufgebaut, was den eigenen Körper angeht. Wie dieser auszusehen hat und wie er funktionieren muss. Dieser Druck kann verunsichern, denn nicht immer funktioniert der eigene Körper so, wie es im Film gezeigt wird. Nicht immer können Jungs und Mädchen ohne ein zärtliches, einleitendes Vorspiel.
Nicht zuletzt kann der Konsum auch zu einer Art Abstumpfung führen. Dies geschieht sowohl durch das Anschauen von pornografischen Videos oder Bildern als auch durch das Anhören bestimmter Songs. Gerade im Genre des Deutsch-Rap, aber auch in fremdsprachigen Songs gibt es sehr viele sexistische oder gewaltverherrlichende Texte und pornografische Passagen. Frauenhass und eine Erniedrigung und Reduzierung auf ein Geschlecht oder eine sexuelle Ausrichtung wird befeuert mit Begriffen wie Hure, Schlampe, Bitch oder Schwuchtel. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Jugendliche in der eigenen Entwicklung unterschiedlich weit sind. Was für manche spannend, anregend oder vielleicht auch eher belustigend ist, empfinden andere als überfordernd. Nur weil ein Film oder eine Serie für eine Altersgruppe freigegeben ist, heißt es noch nicht, dass diese(r) für jeden Jugendlichen ab diesem Alter auch geeignet ist. Für einige kann bereits die Darstellung eines Koitus in einer Liebeskomödie eine überfordernde Situation darstellen, wogegen andere nur darüber lachen.
Es ist wichtig, dass Sie Ihrem Kind klare und verständliche Regeln dazu vermitteln, welche Inhalte altersgerecht sind und grundsätzlich angeschaut werden dürfen – und welche nicht. Jugendliche müssen wissen, dass manche Inhalte (wie illegale Pornografie oder harte Pornografie) per Gesetz verboten sind und dass sie sich strafbar machen, wenn sie diese teilen. Zudem ist es Ihre elterliche Pflicht, Ihr minderjähriges Kind vor jugendgefährdenden Inhalten zu schützen.
Jugendliche brauchen und wollen Werte und Normen, um sexuelle oder pornografische Bilder einordnen und eine aufgeklärte Vorstellung der eigenen Sexualität entwickeln zu können.
Das erniedrigende Frauenbild, das im Porno überwiegend gezeigt wird, entspricht nicht der echten Lebenswelt von Jugendlichen. Denn die gelebte Sexualität unter Jugendlichen ist trotz einer starken Verbreitung von pornografischen Inhalten mehr und mehr gleichberechtigt, selbstbestimmt und werteorientiert ausgerichtet. Die meisten Jugendlichen sind sich heute bewusst, dass es neben der heterosexuellen Orientierung auch homosexuelle oder bisexuelle Beziehungen gibt und dass sich Menschen als trans oder nichtbinär definieren können, sich also nicht als männlich oder weiblich sehen.
Um ihre eigene Geschlechtsrolle und die eigene sexuelle Orientierung zu finden, brauchen Jugendliche jedoch mitunter (erwachsene) Bezugspersonen, die sie bei der Herausbildung ihres eigenen Urteilsvermögens unterstützen. Das müssen nicht immer die Eltern sein. Ältere Verwandte und Freundinnen und Freunde der Eltern können oft besser helfen, wenn es um die Beantwortung „peinlicher“ oder ihnen unangenehmer Fragen geht.
Sprechen Sie offen mit Ihrem Kind darüber, dass es sehr verstörende Bilder im Netz geben kann. Und dass diese Bilder nichts mit einer liebevollen sexuellen Beziehung in einer Partnerschaft zu tun haben. Machen Sie Ihrem Kind klar, dass es jederzeit auf Sie zukommen kann, wenn es Inhalte gesehen hat, die es überfordern.
Der Bundesgerichtshof definiert den Begriff der Pornografie folgendermaßen: „Als pornographisch ist eine Darstellung anzusehen, wenn sie unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rückt und ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse des Betrachters an sexuellen Dingen abzielt.“ (vgl. BGHSt 23,44; 37,55)
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